Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stück Tyrannei gegen die „Natur“, auch gegen die „Vernunft“: das ist aber noch kein Einwand gegen sie, man müsste denn selbst schon wieder von irgend einer Moral aus dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist, dass sie ein langer Zwang ist: um den Stoicismus oder Port-Royal oder das Puritanerthum zu verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern, unter dem bisher jede Sprache es zur Stärke und Freiheit gebracht, — des metrischen Zwangs, der Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel Noth haben sich in jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! — einige Prosaschreiber von heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein unerbittliches Gewissen wohnt — „um einer Thorheit willen“, wie utilitarische Tölpel sagen, welche sich damit klug dünken, — „aus Unterwürfigkeit gegen Willkür-Gesetze“, wie die Anarchisten sagen, die sich damit „frei“, selbst freigeistisch wähnen.
Der wunderliche Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit, Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder gegeben hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren, oder im Reden und Überreden, in den Künsten ebenso wie in den Sittlichkeiten, sich erst vermöge der „Tyrannei solcher Willkür-Gesetze“ entwickelt hat; und allen Ernstes, die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies „Natur“ und „natürlich“ sei — und nicht jenes laisser aller! Jeder Künstler weiss, wie fern vom Gefühl des Sich-gehen-lassens sein „natürlichster“ Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den Augenblicken der „Inspiration“, — und wie streng und fein er gerade da tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulirung durch Begriffe gerade auf Grund ihrer Härte und Bestimmtheit spotten (auch der festeste Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes, Vielfaches, Vieldeutiges — ). […]
(Jenseits von Gute und Böse, „Zur Naturgeschichte der Moral“, 188) [1/2]
In contrast to laisser-aller, every system of morals is a sort of tyranny against "nature" and also against "reason", that is, however, no objection, unless one should again decree by some system of morals, that all kinds of tyranny and unreasonableness are unlawful What is essential and invaluable in every system of morals, is that it is a long constraint. In order to understand Stoicism, or Port Royal, or Puritanism, one should remember the constraint under which every language has attained to strength and freedom--the metrical constraint, the tyranny of rhyme and rhythm. How much trouble have the poets and orators of every nation given themselves!--not excepting some of the prose writers of today, in whose ear dwells an inexorable conscientiousness-- "for the sake of a folly," as utilitarian bunglers say, and thereby deem themselves wise--"from submission to arbitrary laws," as the anarchists say, and thereby fancy themselves "free," even free-spirited.
The singular fact remains, however, that everything of the nature of freedom, elegance, boldness, dance, and masterly certainty, which exists or has existed, whether it be in thought itself, or in administration, or in speaking and persuading, in art just as in conduct, has only developed by means of the tyranny of such arbitrary law, and in all seriousness, it is not at all improbable that precisely this is "nature" and "natural"--and not laisser-aller! Every artist knows how different from the state of letting himself go, is his "most natural" condition, the free arranging, locating, disposing, and constructing in the moments of "inspiration"--and how strictly and delicately he then obeys a thousand laws, which, by their very rigidness and precision, defy all formulation by means of ideas (even the most stable idea has, in comparison therewith, something floating, manifold, and ambiguous in it). […]
[tr.: Helen Zimmern]